"Musik ohne Bordun ist wie ein Schiff ohne Steuermann."

Indisches Sprichwort

Drehleier

Die Drehleier hat ihren Ursprung in der hochmittelalterlichen liturgischen Gesangsbegleitung. Um für die Dauertöne zur Begleitung der gregorianischen Gesänge keine Sänger einteilen zu müssen, suchte man nach Möglichkeiten, ein Instrument zu erschaffen, das möglichst ohne Anstrengung einen dauerhaften, nicht allzu präsenten Ton spielen konnte. Man erfand also das Organistrum, dem Wesen nach eine Geige, bei der die Saiten von einem Holzrad gestrichen werden. In Nordwestspanien finden sich dann im 11. Jahrhundert erstmals Abbildungen des Instruments. Es hatte für heutige Verhältnisse monströse Ausmaße und musste daher von zwei Spielern bedient werden: Einer drehte mittels einer Kurbel das Streichrad, der andere betätigte die Tangenten, die die Spielsaiten verkürzen konnten.

 

Die genaue Konstruktion der frühen Drehleier ist nicht bekannt und aus den Abbildungen nicht vollständig ersichtlich. Bald jedoch begannen sich Instrumente durchzusetzen, die geringere Ausmaße hatten und von einem einzigen Spieler bedient werden konnten. Diese Symphonien hatten häufig eine Quaderform, was ihnen in der heutigen Rekonstruktion den Namen „Kastenleier“ eingetragen hat. Spätestens diese Leiern dürften über eigene Bordunsaiten verfügt haben.

Symphonien

Abbildung aus den "Cantigas de Santa Maria", Spanien, 13. Jhdt.

Spätestens ab dem 15. Jahrhundert ist ikonografisch auch eine weitere Charakteristik der Drehleier belegt: die Schnarrsaite. Dabei handelt es sich um eine einzelne Saite, die über einen beweglichen Steg führt. Durch stoßende oder ziehende Bewegungen während des Drehens kann der Spieler diesen Steg zum Schwingen bringen, wodurch ein schnarrendes Geräusch entsteht. Die Ansprache der Schnarre kann entweder durch ein Keil- oder Seilsystem im vorderen Bereich der Saite reguliert werden. Die Schnarrsaite erlaubt dem Spieler nicht nur die Bereicherung der Melodie durch Borduntöne, sondern zusätzlich auch die rhythmische Akzentuierung.

 

Ähnlich wie die Sackpfeife wurde die Drehleier im Zuge der Schäferromantik als Kuriosum Teil der höfischen Musik. Vor allem in Frankreich wurde aus den einfachen Instrumenten der Bauern ein vollchromatisches, an Lauten und Gamben orientiertes Instrument geschaffen, das überregionale Bedeutung erlangte und eine reichhaltige Literatur hervorbrachte. Die Popularität der Drehleier war jedoch auch im Alpenraum groß und dauerte über das Ende der Schäferromantik hinaus an – noch W. A. Mozart schrieb 1791 einen Deutschen Tanz mit Drehleiersolo (KV 602, Nr. 3), Franz Schubert widmete dem verarmten „Leiermann“ das letzte Lied seiner Winterreise, und sogar Josef Lanner schrieb noch Tänze für die Drehleier.

 

Ignaz Pfandl, der letzte Mariazeller Leiermann

Fotografie um 1895

Der Umstand, dass die Drehleier bedingt auch zu abgesetztem Spiel imstande ist (das Rad wird dabei nicht durchgehend gedreht), dürfte ihr das schnelle Verschwinden des Dudelsacks mit der zunehmenden Popularität kunstmusikalischer Elemente im Laufe des 19. Jahrhunderts erspart haben. Von sechs im Salzburg Museum erhaltenen Instrumenten bezeugt das zuletzt gespielte, dass die Bordunsaiten entfernt worden waren. Tonaufnahmen der Mitterhögl-Hausmusik aus Tirol, die noch bis in die 1970er eine aus der Spätklassik stammende Drehleier verwendeten, dokumentieren zudem den späten Stil des abgesetzten Spiels, wodurch sich das Instrument klanglich der Violine annähert.

 

Auch die Drehleier ist heute wieder fixer Bestandteil im Borduninstrumentarium und hat eine weltweite Anhängerschaft.

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© Sonja & Michael Vereno