"Musik ohne Bordun ist wie ein Schiff ohne Steuermann."

Indisches Sprichwort

Sackpfeifen

Obgleich nicht das einzige Borduninstrument ist die Sackpfeife sicher das prominenteste. Dies liegt nicht nur an dem Umstand, dass für die westliche Hemisphäre das imposante Klischee des kilttragenden Schotten gleichzeitig das des Sackpfeifers ist, sondern auch an der unverwechselbaren Erscheinung des Instrumentes.

 

Die Geschichte der Sackpfeife lässt sich nach derzeitigem Forschungsstand bis in die römische Antike zurückverfolgen, zufälligerweise auch zu ihrem ersten namentlich bekannten Spieler – C. Suetonius Tranquillus und Dion Chrysostomos berichten, Kaiser Nero habe den Aulos, die berühmte griechische Doppeloboe, sowohl im Mund als auch mit einem unter die Achsel geklemmten Sack spielen können und sei damit öffentlich aufgetreten. Eventuelle frühere griechische Quellen aus den Komödien des Aristophanes sind nicht eindeutig als Hinweise auf eine Sackpfeife deutbar, und obgleich die Einheitsübersetzung der Bibel heute im Buch Daniel (3,5) den „Klang der … Sackpfeifen“ erwähnt, ist nicht klar, welches Instrument im aramäischen Originaltext gemeint ist. Im deutschen Sprachraum sind Sackpfeifen seit dem 9. Jahrhundert nachweisbar.

Mittelalterliche "Platerspiele": Tierblasen dienen als Luftspeicher

Abbildung aus den "Cantigas de Santa Maria", Spanien, 13. Jhdt.

Ursprünglich scheinen Rohrblattinstrumente gerne mit der so genannten Zirkulationsatmung gespielt worden zu sein, bei der der Spieler die in den Backen gespeicherte Luft durch Kontraktion der Wangen in das Instrument bläst und währenddessen durch die Nase erneut einatmen kann. Dadurch entsteht eine ununterbrochene Luftzufuhr. Die Sackpfeife ist letztlich das konsequente Produkt einer versuchten Vergrößerung des Luftreservoirs, um längere Atempausen zu ermöglichen.

 

In einem ersten Schritt wurden wohl kleine Luftspeicher aus Tierblasen oder Kürbissen hergestellt, doch erst mit der Zwischenschaltung eines Reservoirs, das einerseits groß und andererseits elastisch genug war, um mit dem Arm reguliert werden zu können, konnte der konstante Druck aufrechterhalten werden, ohne die Backenmuskulatur des Spielers anzustrengen und diesem somit entspanntes Einatmen zu ermöglichen. Damit war die Sackpfeife jedoch noch kein Borduninstrument, sondern lediglich eine mit Luftsack gespielte Variante anderer Rohrblattinstrumente (der Name „Sackpfeife“ selbst weist ja auf den Borduncharakter nicht hin). 

Ausschnitt aus Albrecht Dürers Stich eines Sackpfeifers

Deutschland, 1516

Erst mit der eigenständigen Bordunpfeife, die ab dem 13. Jahrhundert in Europa nachweisbar ist, wird aus dem Instrument ein Borduninstrument und damit die klassische Sackpfeife, wie sie den meisten geläufig ist. Später wurde die Zahl der Begleitpfeifen auch noch erhöht, so hat die schottische Sackpfeife beispielsweise drei Bordune.

 

Ab der Renaissance verbreitete sich eine Sackpfeifenform von Norddeutschland aus nach Österreich, die schlicht als Schäferpfeife oder eben als Sackpfeife bezeichnet wurde. Es handelte sich dabei um ein Instrument mit einer konisch gebohrten, oboenartigen Melodiepfeife und zwei Bordunpfeifen im Quintabstand. Obgleich äußerst zahlreich abgebildet, hat sich bis heute nur ein einziges Instrument dieser Art im Instrumentenmuseum der Wiener Hofburg erhalten. In einer leisen, kleinen Ausführung mit zylindrischer Spielpfeifenbohrung wurde die Schäferpfeife auch als Hümmelchen bezeichnet, was sich aus dem Niederdeutschen humeln „stutzen, verschneiden“ ableitet. Seit dem 18. Jhdt. verlor die Sackpfeife zunehmend an Bedeutung; eine letzte Bastion dürfte bis ins 19. Jhdt. die Region um Markgröningen gewesen sein, wo man allerdings im 20. Jhdt. eine Zeit lang schottische Sackpfeifen nutzte und erst in den letzten Jahrzehnten wieder zu rekonstruierten deutschen Sackpfeifen wechselte.

Spieler einer Bockspfeife auf einem Stich des frühen 19. Jahrhunderts

Die jüngere Form der Sackpfeife in Österreich ist die so genannte Bockspfeife, für die im 17. Jahrhundert erstmals das Wort Dudelsack nachweisbar ist. Dieses Instrument gelangte über den Sächsischen Hof in die Schäfermode der deutschen Fürsten und so schließlich auch nach Österreich. Es handelt sich um einen ursprünglich slawischen Dudelsack, der vermutlich nach dem Vorbild der französischen Musette de Cour, dem höfischen Dudelsack der barocken Könige Frankreichs, den mitteleuropäischen Musikbedürfnissen angepasst wurde. Kennzeichnend ist die Verwendung von Tierfell anstatt enthaartem Leder für den Luftsack, häufig ein geschnitzter Ziegenkopf als Spielpfeifenstock, eine einzelne, meist ab der Schulter abwärts geknickte Bordunpfeife, ab dem 18. Jahrhundert regelmäßig ein Blasebalg zur Luftversorgung, um die durch Atemluft auftretenden Stimmungsschwankungen zu umgehen, und Rinderhörner als Schalltrichter. 

 

Vor allem in den böhmischen Gebieten überwogen noch bis ins späte 19. Jahrhundert ältere Typen dieses Instruments, bei denen die Bordunpfeife vorne am Körper des Spielers gerade herabhing und der geschnitzte Ziegenkopf fehlte. Ein solches Instrument befindet sich im Besitz des Salzburg Museums und datiert aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vermutlich aus Böhmen. Die Bockspfeife war in Böhmen sowohl ein Instrument der deutschen wie der tschechischen Bevölkerung - bis zur Vertreibung 1946 nutzten sie die Egerländer, und noch heute ist bei den deutschböhmischen Auswanderern der neuseeländischen Gemeinde Puhoi die Bockspfeife in Gebrauch.

 

Die verschiedenen Sackpfeifen kamen im Laufe der 1970er und 1980er durch die Arbeit verschiedener Musikanten, in Österreich vor allem Rudolf Lughofers, wieder in Umlauf und erfreuen sich seitdem stetig zunehmender Beliebtheit. 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Sonja & Michael Vereno